Patagonien auf eigene Faust – 5.Teil

Hier geht es um Traumziel, Traumreisen und Traumfische aus aller Welt. Wer hätte nicht gerne Bonefish am Golf von Mexiko, Lachs in Kanada oder die fetten Salmoniden in Patagonien. Wer sie hatte - soll unbedingt darüber berichten.

Patagonien auf eigene Faust – 5.Teil

Beitragvon gonefishing » 04.03.2014, 00:32

River Deep - Mountain High

Und weiter geht’s nach El Chalten, schon der Weg dort hin ist bei schönem Wetter der Hammer. Allerdings ein seltener Anblick, hier finden sich einige der schwersten alpinen Kletterziele der Welt, nicht zuletzt wegen dem Wetter. Als ich ankomme gab es in der Saison noch kein brauchbares Schönwetterfenster und auf dem Gipfel des Cerro Torre stand die letzten Monate niemand.

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Ich bin früher selbst viel geklettert und so war es für mich ein Muss diese Berge mal aus der Nähe zu sehen.
Durch Alpinismus, Trekking und Wandern hat sich El Chalten in den letzten 15 Jahren von einer handvoll Holzhütten zu einem ansehnlichen Örtchen entwickelt. Seit kurzem gibt es sogar eine Zapfsäule und einen Geldautomaten...
Bei meiner Planung entdeckte ich dass es dort auch einige interessant bis sensationell aussehende Gewässer gibt.

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Als erstes erkundete ich den Rio de la Vueltas, der Abfluss der Lago del Desierto. Er führt im oberen Teil klares Wasser und wird durch diverse einmündende Gletscherbäche im Verlauf immer milchiger. Im oberen Teil gibt es sogar eine C&R-Strecke, wobei sich daran wohl kaum einer hält. Ganz oben ist er gut zugänglich, allerdings scheint es da mal wieder von Baby-Rainbows zu wimmeln. Ausser in einem Pool zwischen zwei Wasserfällen, da sehe ich einige dicke rumschwimmen.

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Mich zieht es aber erstmal an eine Strecke etwas unterhalb, die sieht einfach sensationell aus! Allerdings habe ich hier genau das Problem wegen dem ich nicht in’s nördliche Patagonien bin. Das Wasser teilweise zu tief zum Waten und die Ufer dicht bewachsen. Ich bleibe immer wieder im Sumpf oder Dornengestrüpp stecken und kann nur wenig Strecke machen. Ich fange aber trotzdem ein paar schöne Forellen und verliere eine richtig gute.

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Bei meiner Reisplanung bin ich auf das Foto eines traumhaften Baches gestossen, im Hintergrund der Fitzroy. Ich habe mir gedacht: Da will ich fischen, nein, da werde ich fischen! Ich habe herausgefunden wie der Bach heisst, aber nichts über die Fischerei dort. Und da er im Nationalpark liegt habe ich befürchtet dass dort Fischen verboten ist.

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Ich frage in der Nationalparkverwaltung nach, fischen darf man da, aber Fische sind keine drin. Hmmm, naja, besser als umgekehrt. Ist halt noch das echte Patagonien, ohne Neozoen. Und dann weiss ich wenigstens mal warum ich nichts fange! :-D
Für den nächsten Vormittag ist schönes Wetter angesagt, also früh aufstehen...

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Es ist noch kein Mensch unterwegs, der Weg ist wunderschön und die Sonne geht auf.
Gruss, Matthias
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Re: Patagonien auf eigene Faust – 5.Teil

Beitragvon gonefishing » 04.03.2014, 00:36

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Jetzt weiss ich sicher dass da keine Fische drin sind. Ich bin so etwas von bescheuert und habe so viel Spass dabei. Es war einfach traumhaft schön und völlig egal dass es dort keine Fische gibt. Ich habe gesagt ich werde da fischen und ich habe da gefischt, ich freue mich wie über einen Lausbubenstreich. Die Wolken kommen viel früher als angesagt und ich gehe zurück. Die ersten Wanderer kommen mir entgegen und schauen mich etwas seltsam an wie ich grinsend und pfeifend den Berg runter hüpfe. Ihr armen Würstchen habe den schönsten Teil des Tages verpasst. Auf dem Weg nach unten mache ich noch einen kleinen Abstecher und schaue mir an warum es da oben keine Forellen gibt...

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Am Abend sitze ich in einem Restaurant und wie das so ist am Ende der Welt, die Tür geht auf und ein alter Bekannter aus Bayern kommt herein. Über 20 Jahre nicht gesehen und hier läuft man sich über den Weg. Wir haben einen lustigen Abend und verabreden uns für Übermorgen. Da soll es endlich mal richtig Schönwetter werden und ich kann mit ihnen den Zustieg zum Torre machen.

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Also am nächsten Tag noch einmal zum Fischen, ich nehme mir die obere Strecke am Rio de la Vueltas vor. Wie befürchtet sehr viele Kleine die immer schneller sind, auch weil meine Würfe mal wieder nicht da landen wo sie sollen.
Aber da ist ja noch der Wasserfall-Pool, ich pirsche mich von unten an. Mit der Trockenen geht da bestimmt nichts, die schiessen immer im Tiefen herum. Mit einem etwas schwereren Streamer komme ich am ehesten da runter. Keine Reaktion, nur zwei Würfe, ich will sie ja nicht vergraulen. Also eine schwere Nymphe, der Wurf sitzt mal ausnahmsweise und bang, das ist Musik!

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Ohne Widerhaken fischen und dann selbst Drillfotos machen ist immer besonders spannend...

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Blitzsauberes Nasenpiercing, das ist doch ein schöner Abschlussfisch und morgen in die Berge.

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Gruss, Matthias
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Re: Patagonien auf eigene Faust – 5.Teil

Beitragvon gonefishing » 04.03.2014, 00:39

Morgens geht es mit einer ganzen Truppe los. Thomas ist einer der weltbesten Alpinkletterer und regelmässig hier, durch ihn bekomme ich ein bischen Einblick in die lokale Kletterszene.
Da hat sich die letzten 25 Jahre gar nichts verändert, immer noch ein liebenswert verrückter Haufen mit unglaublich viel Spass am Leben, mit Energie und Mut. Nein, eigentlich sind die überhaupt nicht verrückt, sehr intelligent und sie wissen was sie sich zutrauen können und was nicht. Aber sie sind bereit an ihre Grenzen zu gehen, etwas zu wagen, das Neue zu suchen, zu scheitern, wieder aufzustehen und noch stärker wiederzukommen.

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Ich habe während der Planung öfters hinterfragt was ich da eigentlich mache. Ist das jetzt die Midlife-Crisis und du willst dir irgendetwas beweisen? Warum alleine in die entlegensten Ecken, und dann noch mit der Fliege und ohne Widerhaken? Warum nicht ein paar andere Haken für die Zweihandfischerei einpacken? Es kontrolliert dich doch keiner...
Ich habe schon gespürt dass ich alles richtig mache, aber jetzt sehe ich auch das Warum und Weshalb, dass ich in der Ponyhof-Kategorie spiele und dass es da ganz andere Kaliber gibt. Kein guter Kletterer würde eine Route frei versuchen und dann halt technisch klettern, geschweige denn technisch klettern und behaupten er wäre sie frei geklettert. Du bestimmst das Ziel, du bestimmst den Weg und du bestimmst die Regeln. Wenn du es nicht schaffst, dann versuchst du es noch einmal. Und wenn du bescheisst, dann bescheisst du dich selbst.
Wir verabschieden uns an der Tyrolese, danke für diese tolle Begegnung und viel Glück!

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Nein, ich bin auch nicht verrückt, nur ein fischender Exkletterer. Inspiriert durch diese Begegnung lege ich noch eine 10-Stunden-Wanderung hin. Na gut, diese Gegend ist Wander-Kokain, es geht sich von selbst...

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Aber dass ich abends statt in’s Bett zu fallen nur kurz unter die Dusche springe um gleich bei Eduardo noch einen argentinischen Seniorenteller zu spachteln und dann noch ein bischen durch die Bars ziehe ist schon komisch. Dass ich am nächsten Morgen nach 6 Stunden Schlaf gut erholt und gelaunt, und vor allem ohne Muskelkater aufstehe ist schon fast bedenklich.

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Diese Reise ist einfach sensationell. Ich fühle mich mit jedem Tag stärker, die Gefühle und Eindrücke gehen tiefer und das Glück wird immer grösser.

And it gets stronger, in every way
And it gets deeper, let me say
And it gets higher, day by day
Yeah river deep mountain high


zum 6.Teil
Zuletzt geändert von gonefishing am 04.03.2014, 23:21, insgesamt 1-mal geändert.
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Re: Patagonien auf eigene Faust – 5.Teil

Beitragvon Ammaluschi » 04.03.2014, 04:51

Großartig :-++:
Gruß Lutz :wink: :wink:

Der Frosch im Brunnen ahnt nichts von der Weite des Meeres.
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Re: Patagonien auf eigene Faust – 5.Teil

Beitragvon mik1 » 04.03.2014, 06:11

Weltklasse Bericht!!!!!
DANKE!!!!
Mik
The worst day salmon(-fly-)fishing,
is better than the best day working!
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Re: Patagonien auf eigene Faust – 5.Teil

Beitragvon troutcontrol » 04.03.2014, 07:49

ohne Worte !!! :o
There are no bad fly rods - only bad fly lines!

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Re: Patagonien auf eigene Faust – 5.Teil

Beitragvon knattermaxe » 04.03.2014, 08:04

WOOOW :+++: :+++: :+++:

Gruß
Markus
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Re: Patagonien auf eigene Faust – 5.Teil

Beitragvon janw » 04.03.2014, 08:27

................... :+++: :+++: :+++:

:wink:
LG Jan
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Re: Patagonien auf eigene Faust – 5.Teil

Beitragvon FALKFISH-THOR » 04.03.2014, 08:38

Wow - Du machst mich fertig!
Keine Ahnung ob ich den schneid hätte so eine Tour alleine zu machen, aber das Erlebnis muss wohl einzigartig sein!
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Re: Patagonien auf eigene Faust – 5.Teil

Beitragvon FALKFISH-THOR » 04.03.2014, 08:39

DoppelPost!
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Re: Patagonien auf eigene Faust – 5.Teil

Beitragvon Maqua » 04.03.2014, 08:48

Das ist kaum noch zum aushalten... :o :l: :+++:
Diese weltberühmten Kletterziele als Kulisse beim Fliegenfischen, das ist fast unwirklich und du hast recht, ob da Fische drin sind ist zweitrangig.
Bild Pat62 ist mein absoluter Favorit, die Kulisse, die irgendwie anmutet wie ein Einblick in eine bessere Welt, wird eingerahmt von Bäumen, die ein japanischer Bonsaimeister niemals so perfekt gestalten könnte, einfach unglaublich!!!
Ich beneide dich und denke du wirst früher oder später dorthin zurückkehren.
Ich muss jetzt zur Arbeit, hätte aber gerade nicht übel Lust alles hinzuschmeissen und abzuhauen nach Patagonien. :l:

PS.: Für mich der schönste Bericht, den ich hier je lesen durfte, danke dafür!
Gruss Manni :wink:





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Re: Patagonien auf eigene Faust – 5.Teil

Beitragvon sundeule » 04.03.2014, 08:51

Vielen, vielen Dank für die Mühe, uns deine Erlebnisse so ansehnlich aufzubereiten. Ich bin ganz dabei und genieße jede Zeile und jedes Foto. Einfach nur Spitze!
Mit besten Grüßen aus Stralsund; André
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Re: Patagonien auf eigene Faust – 5.Teil

Beitragvon Cowie » 04.03.2014, 09:00

FALKFISH-THOR hat geschrieben:Wow - Du machst mich fertig!
Keine Ahnung ob ich den schneid hätte so eine Tour alleine zu machen, aber das Erlebnis muss wohl einzigartig sein!


Moin Matthias,

ganz lieben Dank für die Teilnahme an deiner wundervollen Reise :l: :l: :l: :+++:

Das, was Falkfish-Thor da schrieb, beschäftigt mich auch gedanklich schon eine ganze Weile :q: :oops

Südliches Südamerika - Übernachtungen in völliger Abgeschiedenheit unter freiem Himmel. Hattest du dort niemals Angst oder ein ungutes Gefühl??

Ansonsten weiß ich nicht wirklich, was ich zu dieser Berichterstattung schreiben soll - a la bonheur & Chapeau

Ich denke mal, dass das Erlebte sich tief in deinem Herzen einbrennen wird und habe so im Moment das Gefühl,
dass das halbe Forum mit offenem und trockenen Mund vor den Bildschirmen sitzt.... :lol:
Liebe Grüße und T. L.


Wolfgang
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Re: Patagonien auf eigene Faust – 5.Teil

Beitragvon S.v.d.3Larsen » 04.03.2014, 10:23

gonefishing hat geschrieben:Jetzt weiss ich sicher dass da keine Fische drin sind. Ich bin so etwas von bescheuert und habe so viel Spass dabei. Es war einfach traumhaft schön und völlig egal dass es dort keine Fische gibt. Ich habe gesagt ich werde da fischen und ich habe da gefischt, ich freue mich wie über einen Lausbubenstreich. Die Wolken kommen viel früher als angesagt und ich gehe zurück. Die ersten Wanderer kommen mir entgegen und schauen mich etwas seltsam an wie ich grinsend und pfeifend den Berg runter hüpfe. Ihr armen Würstchen habe den schönsten Teil des Tages verpasst. Auf dem Weg nach unten mache ich noch einen kleinen Abstecher und schaue mir an warum es da oben keine Forellen gibt...


„Fliegenfischen ist eine Tätigkeit, die es einem Mann gestattet, in Würde und Frieden mit sich allein zu sein“ (John Steinbeck) :wink:
The fish better give their soul to god because their ass is mine !
(mel krieger)
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Re: Patagonien auf eigene Faust – 5.Teil

Beitragvon Matthias » 04.03.2014, 14:04

...das ist der totale Wahnsinn. Vielen Dank.

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