Patagonien auf eigene Faust – 8.Teil

Hier geht es um Traumziel, Traumreisen und Traumfische aus aller Welt. Wer hätte nicht gerne Bonefish am Golf von Mexiko, Lachs in Kanada oder die fetten Salmoniden in Patagonien. Wer sie hatte - soll unbedingt darüber berichten.

Patagonien auf eigene Faust – 8.Teil

Beitragvon gonefishing » 07.03.2014, 00:24

Against the wind

Ich fahre nach Bellavista, zwischen der Hosteria und der Lodge ist ein öffentlicher Zugang. Ich stehe etwas unschlüssig rum, soweit ich sehen kann fliesst der Rio Gallegos gleichmässig dahin. Ganz anders als am Wasserturm wo ein interessanter Pool auf den anderen folgte. Hier ist wohl laufen angesagt, ich entscheide mich für flussabwärts.

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Aber ich habe ja Füsse und das Wetter ist richtig angenehm, nicht mehr so heiss und fast kein Wind. Die Landschaft ist einfach grossartig und so fällt es mir kaum auf dass ich Stunden fast nur laufe und nur ein paar so Najavielleicht-Pools befische.
Doch dann kommt eine lange Flachwasserstrecke über die ganze Flussbreite und unterhalb ein Pool. So etwas habe ich gesucht, hier schwimmt kein grosser Fisch einfach so drüber und der Meerforellenzug muss doch in’s Stocken geraten. Und wenn es auf langer Strecke nur wenige Pools gibt, dann ist die Chance doch umso grösser dass dort Fische stehen.

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Ich fische den Pool von oben nach unten ab, als es hinter mir plätschert. Da wühlt sich eine Meerforelle durch’s Flachwasser hoch, und noch eine! Mir fällt auf dass sie ganz auf der anderen Uferseite starten und viel weiter oben als ich zu fischen begonnen habe. Ich schaue mir das vom erhöhten Ufer noch einmal an, und ja, da könnte sich eine tiefere Rinne hochziehen.
Der Fluss ist aber auch sehr schwer zu lesen, dunkler Basaltkies so dass es überall tief aussieht. Und durch den Wind, der hat kräftig zugelegt, und die entstehenden Wellen lässt sich auch die Strömung schlecht erkennen.

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Ich wate in die Flussmitte und treffe erstaunlicherweise genau dort hin von wo die Fische gestartet sind. Die Fliege ist kaum im Wasser da schlägt es schon ein und die Bremse singt ein schönes Lied. Sie zieht runter in den Pool und springt und springt und springt. Whow, ein richtig fetter Fisch gut jenseits der 60. Aber der Drill verläuft super, sie tobt sich unten im Pool aus und ich stehe oberhalb mitten im Fluss. Ich merke schon wie sie müde wird da ändert sie ihre Taktik und gibt noch einmal Gas, schiesst flussaufwärts an mir vorbei in’s Flachwasser macht kehrt. Die Schnur wird schlaff, weg...
Ich mache eine Pause, versuche es noch einmal im gleichen Pool und laufe noch ein kleines Stück flussab. Aber der Wind ist mittlerweile gnadenlos und saukalt. Ich habe mich vom Wetter täuschen lassen, zu wenig angezogen und vor allem nichts für über die Ohren. Fühlt sich gar nicht gut an, besser zurück.

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Mit eingezogenem Kopf laufe ich gegen den Wind. Wie die vielen Nandus, die laufen auch immer gegen den Wind. Komisch dass die noch nicht ausgestorben sind, müssten doch eigentlich schon längst alle in den Pazifik gefallen sein, der Wind kommt doch immer aus der gleichen Richtung.
5km gegen den so einen Wind zu laufen ist ganz schön anstrengend und ich fühle mich gar nicht gut, habe das Gefühl dass ich eine Mittelohrentzündung bekomme.
Ich lasse es für heute gut sein und am nächsten Tag bin ich zum Glück wieder fit. Blöder Fehler, das Wetter darf man hier nie unterschätzen und ich habe es eigentlich gewusst.
Heute laufe ich flussaufwärts, so habe ich den anstrengenden Teil am Anfang und auf dem Rückweg Rückenwind.

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Ich fische direkt vor der Bellavista Lodge, interessiert aber niemanden, cool. Ich sehe aber auch keinen, evtl. haben die um diese Zeit gar keine Gäste. Das auf dem Bild oben ist Fernandos Pool, der zu Beginn des zweiten Teils in dem Film. Unglaublich, ich stehe trockenen Fusses da wo sie im Film hüfttief waten.
Die Temperatur ist innerhalb von zwei Tagen um über 20° gefallen und die Wassertemperatur um über 10°. Die Meerforellen sind wie vom Erdboden verschluckt, aber die Browns in bester Beisslaune. Ich fange 7 oder 8 und die Zeit vergeht im Fluge.

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Es wird Abend und ich muss noch einen weiten Weg zurück. Natürlich schläft der Wind ein und statt Rückenwind bin ich das Mückenkind. Aber egal die Landschaft und das Licht sind einfach atemberaubend, ich kann mich nicht sattsehen an Patagonien.

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Gruss, Matthias
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Re: Patagonien auf eigene Faust – 8.Teil

Beitragvon gonefishing » 07.03.2014, 00:26

Nach einer Nacht im Zelt habe ich mich für meine letzte Nacht in Argentinien doch noch in der Hosteria Bellavista einquartiert, obwohl ich in der Stadt erfahren habe dass diese mittlerweile völlig überteuert ist. Aber ich habe noch zu viele Pesos und buche es unter ‚Erlebnisgastronomie’ ab. Der Laden ist zwar echt kultig, aber hier bekomme ich mein mit Abstand schlechtestes und teuerstes Essen in Argentinien. In der Stadt bekommt man für viel weniger Geld etwas viel besseres und die Strasse ist neu durchgehend asphaltiert so dass man in einer Stunde hier ist.

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Am letzten Morgen will ich noch einmal flussab zu meinem Hotspot Es ist sehr kalt und der Wind hat nachgelassen. Es ist aber nur eine kleine Pause um noch heftiger zurück zu kommen. Bis ich bei meinem Pool ankomme bläst es mich fast von den Füssen und bringe kaum einen brauchbaren Wurf zu Stande. Luft und Wasser sind eiskalt, ein Fell müsste man haben...

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Mich hatte diese wilde Ungezähmtheit fasziniert und nun bekomme ich sie zu spüren. Vielleicht rächt sich der wilde Gallegos auch weil ich ihn anfangs etwas ‚mickrig’ fand. Da kommt auch noch ein Graupelschauer, fast Hagel. Ich kauere mich zusammen und suche etwas Schutz an der Uferböschung. Ich wollte mich den Elementen stellen und nun werde ich verprügelt...

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Aber der Schauer geht vorbei und ich will noch einen letzten Versuch starten. Ich hatte mir natürlich Mel Kriegers ‚Patagonia’ angeschaut, dort wird ein Fisch auf eine Fliege namens ‚Tequeely’ gefangen und es heisst die fange oft noch wenn sonst gar nicht geht. Ich dachte damals überrascht ‚hey, so eine habe ich ja’, ich hatte sie nie gefischt aber weil sie so lustig aussieht ‚Borsti’ getauft.
La ultima esperanza, Borsti, deine Stunde ist gekommen! Ich lasse Borsti noch vom Grossen Gallegos Guanako Guru segnen und ich stelle mich den Elementen. Aber entweder streckt es mir die Schnur gerade flussabwärts oder die Fliege knallt mir an Kopf oder Rücken.

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Meine Wurftechnik ist viel zu schlecht, ich muss mich geschlagen geben. Aber ich habe es wenigstens versucht, ich werde weiter üben und irgendwann...
Ich kämpfe mich gegen den Wind zurück und komme zu ein paar Weiden. Der einzige Windschutz weit und breit, und da die Sonne gerade scheint will ich hier noch mein letztes Bierchen trinken.
Neben den Weiden mündet ein kleiner Nebenarm wieder in den Hauptfluss. Dabei wird er bei der Einmündung zurück gestaut und sieht aus wie ein Ententeich. Schlammige Ufer, beidseitig Krautbänke und jedes Mal wenn ich vorbei kam schwammen auch Enten und Gänse dort.
Als ich da so mit meinem Bierchen sitze fällt mir auf dass der Pool gar nicht soo schlecht aussieht. Da fliesst von oben eigentlich viel Wasser rein, genauso viel muss unten auch rauskommen und entsprechend Strömung sein. Zwischen den Krautbänken ist der Grund bestimmt nicht schlammig, es sieht nur so ententeichmässig aus weil es die einzige windgeschützte Stelle ohne Wellen ist.
Ein paar Würfe mache ich hier noch. Erster Wurf, ein Genuss so im Windschatten. Bang! Gibt’s doch gar nicht! Der Fisch will sofort in die Krautbank gegenüber, typisch Brown, das beherrschen sie, habe schon ein paar so verloren, nix da! Ich bringe sie langsam näher, whow, was für ein Brocken. Da wird mir erst bewusst dass ich ja auf einer Krautbank stehe, doch zu spät, zack ist sie drin verschwunden und nur Borsti kommt wieder zum Vorsschein...
Du Volltrottel, da macht dir der Gallegos doch noch so ein Abschlussgeschenk und du verkackst es. Ich könnte mich ohrfeigen, das wäre mein perfekter Gallegos-Abschluss gewesen!
Noch ein paar Würfe, aber nach dem Radau gerade etwas unmotiviert und ohne Erwartung. Rumms! Was ist denn hier los? Den Pool lassen wohl alle links liegen. Nicht so gross wie die vorher, aber auch nicht viel kleiner. Und schneller als man schauen kann stehe ich mitten im Fluss.

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Danke grosser Gallegos, du hast mir meine Grenzen aufgezeigt, mich besiegt und trotzdem belohnt!
Borsti hat seinen Fisch gefangen, Bachforellen sind sowieso viel schöner als Meerforellen und das Leben ist einfach wunderbar!

Ich kämpfe mich gegen den Wind zurück und muss schmunzeln. Irgendwie passt das, nicht den einfachen Weg gehen, nicht die ausgetretenen Pfade, lieber gegen den Strom, gegen den Wind, das ist doch viel intensiver.

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zum 9.Teil
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Re: Patagonien auf eigene Faust – 8.Teil

Beitragvon NautiChris » 07.03.2014, 00:44

Danke, danke, danke und tausendmal dank für die Bilder und deinen bis jetzt so mitreißenden Bericht.
Die Z Axis ist wie der Besen einer Hexe, erst wenn du richtig sitzt, kannst du mit ihm fliegen.
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Re: Patagonien auf eigene Faust – 8.Teil

Beitragvon FALKFISH-THOR » 07.03.2014, 01:06

Ach du ahnst es ja nicht.....speechless... :l:
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Re: Patagonien auf eigene Faust – 8.Teil

Beitragvon Rollo » 07.03.2014, 01:18

Matthias, du beneidenswertes Mückenkind. :grin: Atemberaubender Urlaubsbericht! :+++: Vielen Dank dafür. :l:
Gruß, Rollo
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Re: Patagonien auf eigene Faust – 8.Teil

Beitragvon Jahn » 07.03.2014, 08:20

:+++: :+++: :+++:
:wink:
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Re: Patagonien auf eigene Faust – 8.Teil

Beitragvon Flyfisher08/15 » 07.03.2014, 08:41

Moin moin,

danke für den tollen Urlaubsbericht und die tollen Fotos.
Schön das Du uns an Deinem Tripp teilhaben lässt. :+++:

TL
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Re: Patagonien auf eigene Faust – 8.Teil

Beitragvon Maqua » 07.03.2014, 09:04

Danke Matthias, das, was ich an deiner Reise am meisten bewundere (und wertschätze), ist das "auf eigene Faust"! :+++: :+++: :+++:
Sehr schöne Brownies, aber ich bin auch riesig gespannt auf den Giant-Fettflossenträger. ;)
Gruss Manni :wink:





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Re: Patagonien auf eigene Faust – 8.Teil

Beitragvon knattermaxe » 07.03.2014, 09:08

Besser geht's nicht :+++: :+++: :+++:


Gruß
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Re: Patagonien auf eigene Faust – 8.Teil

Beitragvon holg_HL » 07.03.2014, 09:10

Fernweh und Neid... Ganz große Bilder!

Bei den Nandus musste ich ein wenig schmunzeln, die laufen auch bei uns schon seit Jahren frei in der Wakenitzniederung durch MeckVorpomm und sind bereits eine kleine Touristenattraktion.
:wink:
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Re: Patagonien auf eigene Faust – 8.Teil

Beitragvon han hugo » 07.03.2014, 10:34

einfach....


.... wow :l: :+++:
wer fängt hat recht!
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Re: Patagonien auf eigene Faust – 8.Teil

Beitragvon adasen » 07.03.2014, 11:07

Mann, die Tour und Deine Schreibe sind eine Wucht, leider SEHR geil... :+++:
Gruß
André

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Re: Patagonien auf eigene Faust – 8.Teil

Beitragvon Dornhai » 07.03.2014, 11:12

Auch von mir nochmals ein Großes Danke für das was wir hier tolles lesen und sehen durften! :+++:
Gruß Steffen
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Re: Patagonien auf eigene Faust – 8.Teil

Beitragvon Kystefisker » 07.03.2014, 12:23

.... und Gold ist doch mehr Wert als Silber, was für herrliche Bachforellen...... :l:

Und ich kann mich Manni nur Anschließen, das "wie" macht deinen Bericht aus und eben das zu machen was Andere nicht tun würden.... !

Leider Geil..................... "kf"
"Good fishing trip means also good time with your friends, people who have the same burning passion to fly fish, find the peace in it and respect mother nature."
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....there's no luck in Swordfishing here.....
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Re: Patagonien auf eigene Faust – 8.Teil

Beitragvon Loop de Mer » 07.03.2014, 12:41

gonefishing hat geschrieben:....nicht den einfachen Weg gehen, nicht die ausgetretenen Pfade, lieber gegen den Strom, gegen den Wind, das ist doch viel intensiver.

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Hallo Matthias,

Sehr schön be- und geschrieben, tolle Fotos. Und weise, musikalische Schlußworte!

Kompliment und vielen Dank,
Lars
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Izaak Walton "The compleat Angler", 1653

The Beach is a Place where a Man can feel, he's the only Soul in the World that's real.

Pete Townshend
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