Patagonien auf eigene Faust – 7.Teil

Hier geht es um Traumziel, Traumreisen und Traumfische aus aller Welt. Wer hätte nicht gerne Bonefish am Golf von Mexiko, Lachs in Kanada oder die fetten Salmoniden in Patagonien. Wer sie hatte - soll unbedingt darüber berichten.

Patagonien auf eigene Faust – 7.Teil

Beitragvon gonefishing » 05.03.2014, 23:02

Rio Gallegos

Für diese Reise gab es einen Auslöser der meinen Traum von Patagonien wieder weckte und schürte. Nach diesem kleinen Film sagte ich mir ‚da muss ich auch mal hin’, um gleich darauf das ‚mal’ noch zu streichen. Es sind nicht die Fische, ich habe schon viele Berichte und Filme mit grossen bis sehr grossen Fischen gesehen ohne dass ich das Gefühl hatte dort hin zu müssen. Es war die Faszination der Landschaft die mich gepackt hat, die ungezähmte Wildheit (Beginn ‚second part’), sowie die bewundernswerte Energie und Motivation bei diesen Bedingungen zu fischen und nicht vor dem Ofen zu sitzen.

http://www.youtube.com/watch?v=wryIxNfb7Jo

Rio Gallegos – der Name wurde für mich irgendwie magisch, zum Inbegriff meiner Sehnsucht nach Patagonien, und jetzt fahre ich hin!
Ich bin aufgeregt und auch ein bischen nervös. Werde ich auf eigene Faust dort überhaupt fischen können? Schliesslich ist der Fluss weltberühmt und es gibt dort gleich mehrere Noble-Lodges die bestimmt wenig Interesse daran haben dass Trout Bums auf eigene Faust an den Ufern umher wandern. Sind jetzt, in der fischereilichen Nebensaison, überhaupt Meerforellen im Fluss? Ich habe widersprüchliche Informationen gefunden und weiss nicht was mich erwartet...

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Ich komme zur Strassenbrücke, halte an und schaue in den Fluss. Den habe ich mir viel grösser vorgestellt, sieht irgendwie ziemlich mickrig aus. Die Ufer stehen voll mit Autos, überall wird gegrillt und jede Menge Leute springen im Fluss umher.
Ich habe ein Foto von hier in meinem Roadbook, da wirkt der Fluss tatsächlich viel grösser. Es herrscht offensichtlich extremes Niedrigwasser. Ich hatte schon an anderen Flüssen/Orten gehört dass es bisher ein sehr kalter und trockener Sommer war, die Flüsse dadurch sehr wenig und kristallklares Wasser führen und die Fischerei dadurch sehr schwierig ist.
Und jetzt noch diese ungewöhnliche Hitzewelle, da steigt bei einem kleineren Fluss der hunderte Kilometer durch die Pampas fliesst die Wassertemperatur natürlich innerhalb kürzester Zeit stark an.

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Und hier sollen Meerforellen aufsteigen? Enttäuschung macht sich breit und meine Erwartungen sinken gegen Null. Das ist die Gefahr wenn man die tollen Bilder aus den Hochglanzmagazinen im Kopf hat. Die Realität sieht oft ganz anders aus und eigentlich war ich mir ja auch sicher bei meiner Art zu reisen das eine oder andere Mal auf die Schnauze zu fallen.
Was soll’s, jetzt bin ich hier, die grandiose Landschaft ist noch da, ich versuche mein Glück und mache das Beste daraus!
Ich wollte eigentlich in die Hosteria Bellavista, eine abgelegene und sehr einfache Unterkunft am Mittellauf. Aber die Kommunikation via E-Mail auf spanisch war etwas schwierig und plötzlich bekam ich keine Antwort mehr. Nachdem die Zimmerpreise für den einfachen Standard relativ hoch waren und ich eh unsicher wurde ob es geschickt ist mehrere Tage zu buchen ohne zu wissen was einen erwartet habe ich nicht mehr nachgehakt.
Jetzt hielt ich es für geschickter mich erst einmal in Rio Gallegos einzuquartieren und ein paar unabhängigere Infos zu sammeln anstatt zu jemanden zu fragen der dir vor allem ein Zimmer vermieten will und sowieso erzählt dass es super ist.

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Meine Laune steigt schnell wieder an, es tut mal wieder richtig gut in einer Stadt zu sein. Über die Stadt Rio Gallegos habe ich nicht viel Gutes gehört, aber ich bin positiv überrascht. Nicht besonders schön, aber sauber und ich fühle mich wohl und sicher. Kaum Touristen aber das Leben pulsiert und so erlebe ich auch mal eine ganz normale Stadt in Patagonien. Einen Burger und ein Bier im Cafe Central und jeden den ich zum Fischen befrage ist sehr freundlich und hilfsbereit. Einer ruft sogar extra seinen Bruder an weil der mehr vom Fischen versteht.
Und alles was ich höre stimmt mich auch wieder zuversichtlicher. Ach was, das Wetter macht hier ständig Kapriolen und die Fische sind das gewöhnt. Wenn die wegen einer Hitze- oder Kältewelle, Hoch- oder Niedrigwasser nicht aufsteigen würden, dann würden sie nie aufsteigen. Sicher ist jetzt nicht die beste Zeit, aber ein bischen was geht immer.
Und ja, die Zugangsmöglichkeiten die ich mir rausgesucht hatte sind alle möglich, und kein Problem dann von dort den Fluss entlang durch das Land einer Estancia zu laufen.
Ich beschliesse es am nächsten Morgen beim Wasserturm zu versuchen, der von Rio Gallegos am weitesten entfernte öffentliche Zugang, bevor der Fluss oberhalb über 100km nur durch das Land von ein paar Estancias verläuft.

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Zum Glück ist Montag und der Trubel des Wochenendes ist verflogen, und ich werde schon wieder positiv überrascht. Man sieht zwar dass hier jede Menge los war, Autospuren, Feuerstellen, aber es liegt sozusagen kein Müll rum.
Ich stehe etwas unschlüssig rum, denn ich wollte eigentlich gleich hoch wandern. Aber direkt neben dem Auto sieht es ganz gut aus, seichte Strömungsstrecken über Kiesbänke und unterhalb schöne Pools. Plötzlich werde ich durch ein Plätschern aus meinen Gedanken gerissen und die Entscheidung wird mir leicht gemacht.
Gibt’s doch gar nicht, eine gute Meerforelle wühlt sich über die Kiesbank hoch!

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Also nix wie los! Ich probiere mein ganzes Sortiment an Meerforellenfliegen durch, ohne Erfolg. Aber ich sehe immer wieder Meerforellen aufsteigen.
Nun gut, ich war etwas spät dran, mittlerweile ist früher Nachmittag, Niedrigwasser, fast windstill, sonnig und sehr warm, vielleicht geht gegen Abend mehr.
Da plätschert es etwas oberhalb direkt am Ufer. Ich pirsche mich an und sehe eine richtig schöne Brown. Hier in einem Pool der wahrscheinlich zu den am meisten befischten gehört, und zwar weniger von der C&R-Fraktion.
Die Bachforelle verschwindet wieder in den Tiefen des Pools. Ich habe ohnehin gerade eine hübsche Nymphe dran und so wate ich vorsichtig zur Insel rüber um den Pool besser anwerfen zu können.
Bin ich eigentlich total bescheuert? Hier schwimmen Meerforellen rum die wahrscheinlich noch nie eine Fliege gesehen haben und ich versuche eine Brown zu fangen die wahrscheinlich schon alles kennt und die zu den schlausten im Fluss gehört?

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Ich mag halt Herausforderungen und das sind die Fische die mich am meisten freuen. Wie geil! Danke dir, mach’s gut und pass’ weiterhin gut auf dich auf!

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Gruss, Matthias
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Re: Patagonien auf eigene Faust – 7.Teil

Beitragvon gonefishing » 05.03.2014, 23:06

Ich fische gerade auf der anderen Seite der Insel als mich jemand ruft. Wie sich rausstellt hat er mich verwechselt. Er sucht einen Freund der hier auch irgendwo unterwegs sein muss, und auch mit einem weissen Nissan mit chilenischen Kennzeichen unterwegs ist. Aber er meint ich solle doch mitkommen, er hat den Schlüssel vom Tor einer Estancia und kenne die Topstellen. So eine Einladung kann man natürlich nicht ausschlagen, und seinen Freund finden wir auch noch.
Wie sich rausstellt war er früher Guide und ist jetzt bei irgendeiner Fischereibehörde.

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So befischen wir die Topstellen, geniessen einen herrlichen Abend und fangen garnix. Loro ist todunglücklich und ich kann ihm gar nicht richtig erklären dass es für mich perfekt ist. Ich habe meinen Fisch auf eigene Faust gefangen, und ein Fisch mit ‚Guide’ hätte mich viel weniger gefreut. Nach 3 Wochen alleine Fischen habe ich die Gesellschaft genossen, und der Sonnenuntergang war einfach ein Traum.

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Am nächsten Tag starte ich von der gleichen Stelle und wandere flussaufwärts. Es gibt viel zu sehen, allerdings keine aufsteigenden Meerforellen.

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Rio Gallegos Punk

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Aber ich fange einige schöne Browns, verliere eine etwa 50er Meerforelle und fange schliesslich doch eine...

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Naja, ich weiss nicht ob man so etwas schon Meerforelle nennen darf, denn die hat das Meer wahrscheinlich noch nie gesehen ;-)

Ein weiterer herrlicher und ausgefüllter Tag! Doch da wesentlich weniger Meerforellen zu sehen waren beschliesse ich am nächsten Tag etwa 100km flussaufwärts zu fahren, um die Meerforellen vielleicht wieder einzuholen...

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zum 8.Teil
Zuletzt geändert von gonefishing am 07.03.2014, 00:31, insgesamt 1-mal geändert.
Gruss, Matthias
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Re: Patagonien auf eigene Faust – 7.Teil

Beitragvon mik1 » 05.03.2014, 23:13

.....was mach ich jetzt morgen früh beim Kaffee trinken????

Wirklich ein toller Bericht!!!

Mik
The worst day salmon(-fly-)fishing,
is better than the best day working!
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Re: Patagonien auf eigene Faust – 7.Teil

Beitragvon T.v.d.3Larsen » 05.03.2014, 23:14

Der Hammer Matthias :+++:

Deine Berichte sind eine
tolle Bereicherung unseres
Forums.

Vielen Dank!!
Stuntman Lars back to Work
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Re: Patagonien auf eigene Faust – 7.Teil

Beitragvon ernstheit » 05.03.2014, 23:19

Die Berichte sind ein Traum. Vor allem sehr schön Geschrieben... Mach aus deinem Urlaub ein Buch!!! Wird reißenden Absatz finden...
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Re: Patagonien auf eigene Faust – 7.Teil

Beitragvon OnnY » 05.03.2014, 23:21

Danke Matthias für's Mitnehmen... :+++: :+++:
Gruss Andreas
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Re: Patagonien auf eigene Faust – 7.Teil

Beitragvon Mike » 06.03.2014, 09:28

Scheisse - 08.28 und ich hab den Tageshöhepunkt schon hinter mir... Warum habe ich Depp nicht noch zugewartet? :cry:

Danke Mattu!
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Re: Patagonien auf eigene Faust – 7.Teil

Beitragvon knattermaxe » 06.03.2014, 09:51

Das Zeug hat Suchtpotenzial!!!!
Bitte mehr...


Gruß
Markus
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Re: Patagonien auf eigene Faust – 7.Teil

Beitragvon Fazer » 06.03.2014, 10:11

Ich bin jedes Mal echt enttäuscht wenn ein Berichtsabschnitt endet. :cry:
Mit Fortsetzungsgeschichten ist das immer irgendwie eine Hassliebe.
Trotzdem obergeil :+++:
Gruß
Nico

Ich kann mich dem Wasser nicht entziehen (AdMeeF) Bild
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Re: Patagonien auf eigene Faust – 7.Teil

Beitragvon Holgi » 06.03.2014, 10:48

Sehr schön, vielen Dank für den tollen Bericht!

Jan
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Re: Patagonien auf eigene Faust – 7.Teil

Beitragvon Kystefisker » 06.03.2014, 10:51

......... just :l:

Also ich hab Heute frei, es darf gerne der nächste Teil gepostet werden.... ;)

Ich bin Gespannt..................... "kf"
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Re: Patagonien auf eigene Faust – 7.Teil

Beitragvon Speedy » 06.03.2014, 14:44

Hallo Matthias,

groooßen Respekt für die Tour!!!!

Danke für das Berichte, ist fast wie Dabeisein und gerne noch ein paar Wochen weitermachen :oops

Grüße

Uwe
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(Charlie Chaplin)
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Re: Patagonien auf eigene Faust – 7.Teil

Beitragvon Harzer99 » 06.03.2014, 21:38

Es darf nicht aufhören... :+++: :+++: :+++:

Gruss Harzer :wink:
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